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Berchtesgaden! - ein Glückserinnern birgt dies Wort wohl für jeden, der diese Perle der deutschen Alpen im Schmuck grüner Matten, prangender Wälder schaute; ein Sehnsucht weckendes Zauberwort wird es dem, der Berchtesgaden als strahlendes Winterwunder erlebte. Und wer gar in diesen Tagen hier weilte, der wird ein nie verblassendes Leuchten durchs ganze Leben mit sich tragen. Tagelang fielen dicht die Schneesterne hernieder, als sollten sie des vergangenen traurigen Jahres düstere Trümmer in lichtem Totenschrein einsargen. -~ Wie ein hehres Gnadengeschenk meines Lebens liegt der heutige Tag hinter mir. Im Frührotlicht erglühte der Watzmann wie ein Riesenrubin. Und die Sonne stieg und flimmerndes Blaufeuer flackerte über die weiße, keusche, licht-verklärte Welt. Das lockte hinaus zum Wandern - - losgelöst von aller Erdmühsal! Zum Königssee und seinem hochragenden fejerlichen Felsendom! - Die Häuslein am Wege ducken sich unter der hüllenden Last des Schnees; die Fensteraugen lugen verstohlen über bergende Schneemauern zum tief blauen Himmel empor. - Der Pfad zum Malerwinkel ein phantastisches Märchen! Wie verwunschene Gestalten hocken Bäume und Büsche am Wege, als schützten sie den Eingang zu eiskristallbehangener Schneeburg; rundum die weißen Berg-riesen als Wächter dieses paradiesisch schönen Erdenwinkels. Von Demanten besät funkelt die schneeige Eisfläche des Sees. Und schon stehe ich auf ihr; knirschend gleitet der Schneeschuh über den strahlenden Edelsteinteppich. Hinüber nach St. Bartholomä! Ein seltsam Gefühl, so dahinzuschreiten über die geheimnisvolle Wassertiefe, aus der es dann und wann murrt und grollt, als drohen zürnend drunten die Wassergeister dem Menschen, der über ihr Reich dahinzieht. Dann wieder feierliche Stille. - - - Da reckt sich der Watzmann und schüttelt von seinen Schultern die drückenden Schneelasten. Sie stürzen hernieder, schlagen mit ungeheurer Gewalt auf eine Felszinne, zerspritzen in abertausend Lichtfunken, überfluten als Schneeschleierkaskade die dunkle Wand, sausen weiter von Schroffe zu Schroffe hinab; - wie die wilde Jagd braust es hernieder! - - Aufruhr in der Natur! -- - Alles muß mit, was dem Ansturm nicht widersteht; - -der weiße Tod rast schneeumgischtet donnernd der Tiefe zu. - - So wuchtet das gigantische Ungeheuer der Lawine bis auf den eisgepanzerten See. - Wird er bersten? werden seine Fluten himmelwärts steigen?- - - Vorbei - -und wieder die Feierstille, in der es wie Sphärenklingen nachzittert. - - Ein Lichthymnus der ganze Tag! Eine hehre Bergpredigt der Schöpfung! Als ich von St. Bartholomä den weiten Rückweg antrete, steht die Sonne tief hinter den Bergen; nur die Gipfel leuchten noch magisch wie Opferfackeln. - Nebelgespenster geistern über den See; wollen sie den Wanderer in die Irre führen? - - vorüber der unheimliche Spuk; frei wieder der Blick. Nacht-schatten wallen empor - - wachsen -~- - verlöschen den Glanz. Am See-gestade grüßt schon gastlich aus kleinen Fenstern behaglicher Lampenschein, und unser alter Herrgott zündet in seinemWeltendom auch die Kerzen an. - - -- Und nun sitze ich in trautem Erkerstübehen und sinne dem versunkenen Tag nach, der ein Hochglückstag meines Lebens geworden. Draußen blitzen im schwarzen Samt des Himmels die Sterne und die Silbersichel des Mondes steht über dem Watzmann und sendet zarten Schein über mein stilles, schönes Berchtesgaden herab. Und nun sagt mir's mein Tagebuch, daß ich heut vor einem Jahr aus eben diesem mir so lieben Raum jenes Berchtesgadenbild festhielt, das ich zum ersten Bild meines Werkes erkor. So schließt sich der Ring. Und in dieser Stunde, da mein Herz übervoll ist des heißen Dankes, daß wieder einmal Naturhoheit, Naturherrlichkeit mich tief ergriffen, will ich Abschied nehmen von dir, mein Werk. Scheiden fällt schwer, wenn Liebes sich löst. Ihr, meine Bilder, vermögt ganz zu verstehen, wie ich's meine. Ihr nehmt ein Stück meines Selbst mit. Ich bin ja ganz in eLich aufgegangen; habe versucht, euch Seele zu geben, meine Seele sich widerspiegeln zu lassen. Ihr bergt meine ganze Liebe zu meinem armen Vaterlande, das ich in seiner größten Not durchwanderte von der kühnen Fels-stirn der Alpen zum wogenumbrandeten Meeresgestade. Ich habe in diesen 15 Wanderfahrtmonaten mein Vaterland erlebt! Welch ein Tag, da ich vom höchsten Gipfel unserer Alpen, der Zugspitze, durch die finstere Felswildnis des Höllentals herniederstieg! Wie jauchzte mein Herz, da ich im heitern Frühling unter Blütenbäumen von Heidelberg aus durchs liebliche Neckartal zog! Wie ruhte sich's schön nach langem Wandern im blutroten Blütenmeer der Lüne-burger Heide! Wie kämpfte ich hart mit Wind und Unwetter in der Toteinsarn-keit der Riesendünen der Kurischen Nehrung -- - ein böser Tag! Draußen auf See rangen im Sturm Fischer um ihr karges Leben; ein paar Boote kehrten nicht mehr an den rettenden Strand; sie fanden ihr Grab in den Fluten. - - Und dann Masuren: dunkle Wolken zogen wie düstere Heere über mir, wie schwarze Fahnen flatterte es über dem schwermütigen Lande. - - Aus dem Brunnen der Erinnerung quellen Ströme. - - Die Wartburg Sanssouci, Friedrichsruh! Vergangenheit wird wach an diesen Pilgerstätten des deutschen Volkes! - -~ Hochragende Burgen erzählen vom Schwerterklirren, von Heldentaten wehrhafter Männer, eh rwürdige Dome von frommer Bürger Gottesfurcht, alte Hansestädte von deutscher trotzigstolzer Kaufherren selbst-bewußter Art, heimelige Winkel, Gassen und Giebelhäuser von deutscher Gemüt-lichkeit. - - Und Dürer, Kant, Goethe und Schiller, Bach, Beethoven und Wagner: sie, vor denen die ganze Welt ehrfürchtig das Haupt entblößt, reden zu mir an geheiligten Stätten ihres Erdenwallens. - - - --- So trug ich über-reiche Ernte in die Scheuer meiner Seele! Aber mit mir wanderte auch das Leid um die liebe Heimat; das Leid, das brutale Feinde schwerer und schwerer auf uns wälzten; das Leid, das überall auf gleiches Mitleiden stieß. Und Heimatliebe und Heimatleid loderten wie in heiliger Opferflamme empor und ließen in mir die Erleuchtung zurück: du kannst und sollst in deiner Art, durch dein Schaffen deinem Vaterland treu dienen! Zeige deinen deutschen Brüdern, wie schön ihre traute Heimat ist, daß ihre Liebe zur Muttererde erstarke; geige den Fremden jenseits der Grenzen, daß dies Land mit all seinem Schönheitsreichtum Daseinsrecht besitzt, daß ein > Bar-barenland " so nicht aussehen kann - --- - Und dieser Gedanke wuchs mit mir und meiner Arbeit und hat mich nicht müde werden lassen. Alle An-strengungen wurden spielend überwunden; alles Unerfreuliche dieser trüben Monate geduldig ertragen. Manchmal stieg der Zweifel in mir auf: dein Werk wird in dieser Zeit allgemeiner wirtschaftlicher Not undurchführbar sein. Da-gegen trotzte es in mir: Weiter! es muß gehen! Stütze ward mir mein Verleger, der die Hände nicht mutlos sinken ließ wie so viele andere; Dank ihm dafür! Dank aber auch denen, die mich in großzügiger Art in meinem Schaffen förderten; ich danke den Ica-Werken, die mir eine prächtige Kamera zur Verfügung stellten, den Zeiß-Werken, die mich mit köstlichsten Objektiven ausrüsteten, der Agfa', die mir das gesamte vorzügliche Plattenmaterial überließ. Das alles gab einen harmonischen Klang deutscher ehrlicher ernsterArbeit! Und so kam es zum glück-lichen Abschluß. Gelang mir, wie ich's mir ersehnte, ein hohes Lied der Liebe für mein schönes Vaterland? Werden all er Deutschen Herzen bei diesem Klang mitschwingen? 0 war es doch! Hans Thoma schrieb mir vor Jahresfrist: ,,Ihr schönes Spanienwerk wird Völkerversöhnung und durch Erkenntnis friedliches Sein verbreiten! Möge Ihnen in solchem Sinn ein deutsches Buch gelingen!" Ja, es soll dieser Gedanke das Leitmotiv des Werkes sein: Völkerversöhnung! vor allem aber Volksversöhnung! Mir war es oft bei meinem Wandern, als geleite mich Hans Thoma, dieser treue Künder deutscher Wesensart. Ihm hab ich drum mein Werk gewidmet. Die Antwort, die mir der alte Meister auf meine bittende Anfrage gab, ist ein köstlich Kleinod echter Heimatliebe. Dies Kleinod soll wie mein Werk allen gehören. Nehmt es hin: ,,In der Zeit, als noch Ordnung in Deutschland herrschte, da man den Namen "armes" Deutschland noch nicht kannte, vor dem unglücklichen Krieg, wurde ich von einer Zeitung als Landschaftsmaler gefragt, welche Gegend ich für die schönste hielte. Das war mir eine heikle Frage; ich kam in Verlegenheit und sagte, die Landschaft, in der ich mich gerade befinde, sei mir immer die schönste. - - Ich fügte noch hinzu: Nur die Augen, diese Tore zur Seele öffnen, und alles wird schön. Als Sie mir Ihr so reiches Spanienwerk schenkten und mir sagten, daß Sie nun auch ein Deutschlandwerk in ähnlicher Art machen würden, zweifelte ich an meinem Ausspruch und dachte: so schön wie das reiche Spanien kann unser armes Deutschland im Bild sich nicht zeigen. - - Da kamen zu Weihnachten die ersten Druckbogen Ihres großartigen Werkes und nicht nur die Augen, meine ganze Seele öffnete sich und jubelte: das ist ja das Bildnis meiner Herzlieben, meiner Heimat, die mir der gute Gott mit einem langen Stück seiner Zeit zum Aufenthalt überwiesen hat - die Heimat, an die mein Herz in stetiger Dankbarkeit gebunden ist, über der die deutschen Seelen ihre ewigen Reigen schwingen. Da ich aus Ihrem Brief las, daß Sie IhrWerk mit all seinem Reichtum meinem Namen widmen wollen, so sage ich in der schönen Rührung, die einen 85 jährigen so leicht überfällt, mit einem freudigen "Ja" meinen Dank. Ja, lassen Sie mich auch teilnehmen als einer, der die Schönheiten seines Vaterlandes zu schätzen weiß. Ja, ich nehme die Widmung Ihres Deutschlandwerkes an! Es ist ein er-freulich Gutes verheißendes Zeichen für unser armes Deutschland, das an der Arbeitsfreude genesen wird. Mit allen guten Wünschen Ihr Hans Thoma." Und nun wandere hinaus in die Welt, mein liebes Werk. Ich weiß, du hast einen weiten Weg vor dir bis in den fernsten Osten Asiens, den fernsten Westen Amerikas. Säe Liebe, wecke Freude! Und will man uns nicht Frieden geben, triffst du verzagte Seelen, so weise ihnen dein Schlußbild, die knorrige Eiche, die Jahrhunderte überdauerte und Wetterstürmen sich nicht beugte; die sei ein Symbol für uns: >Allen Gewalten zum Trutz sich erhalten ! |
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